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| 10:24 Uhr

Handball
Dem deutschen Handball fehlt ein Nowitzki

Steven Wiesner
Steven Wiesner FOTO: Sebastian Schubert / LR
Meinung Die "Bad Boys" spielen bei der EM nicht um die Medaillen. Auch weil absolute Weltklasse im Kader fehlt. Steckt der deutsche Handball deshalb vor den Turnier-Höhepunkten 2019 und 2020 in der Krise? Nein! Ein Kommentar. Von Steven Wiesner

Das war’s. Für die deutschen Handballer ist das Turnier zu Ende. Auf die nötige Schützenhilfe der Konkurrenz hatten sie sich noch verlassen können – auf sich selbst aber nicht. Aus den Kampfansagen sind am Ende leere Versprechungen geworden. In den entscheidenden Momenten war die DHB-Auswahl diesmal nicht auf der Höhe, was auch die ungenügende Turnierbilanz nach sechs Spielen (zwei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen) ausweist.

Die EM hat gezeigt, dass die „Bad Boys“ an einem guten Tag nach wie vor jeden Rivalen ärgern und auch um Titel spielen können, wie vor zwei Jahren in Polen erfolgreich praktiziert. Die EM hat aber auch gezeigt, dass dem deutschen Handball ein Ausnahmespieler fehlt, wie ihn Dirk Nowitzki im Basketball darstellt oder wie er im Eishockey gerade mit Leon Draisaitl heranwächst. Ein Hochbegabter, der dir auch an mittelmäßigen Tagen aus der Patsche hilft. Die Nationen, die – einzig von den deutschen Erfolgen 2004, 2007 und 2016 unterbrochen – seit 2002 alle großen Turniersiege unter sich aufteilen, verfügen vor allem im Rückraum über solche Kaliber: Frankreich hat Nikola Karabatic, Dänemark hat Mikkel Hansen, Kroatien hat Domagoj Duvnjak und Spanien hat Raul Entrerrios – bis auf den Spanier alles dekorierte Welthandballer. Deutschlands letzter und bislang einziger Feldspieler, der mit dieser Ehrung ausgezeichnet wurde, war Daniel Stephan im Jahr 1999.

Man muss deswegen vor der Heim-WM 2019 und den Olympischen Spielen 2020 aber kein komplett visionsbefreites Bild vom deutschen Handball zeichnen. „Wir werden zurückkommen und mit diesen Jungs noch viel Spaß haben“, sagte Rune Dahmke unmittelbar nach dem Aus gegen Spanien. Das wird erst noch zu beweisen sein. Keine These aber ist, dass die EM der erste Wettbewerb unter der Regie von Christian Prokop war, einem der jüngsten Bundestrainer, der je ein deutsches Team in ein Turnier geschickt hat. Wenn der 39-Jährige weiterhin den Prozess leiten soll, eine junge Mannschaft, die mehr Überraschungs-Europameister als Titelverteidiger war, dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren, muss man ihm auch zugestehen, Fehler machen zu dürfen. Fehler wie die Degradierung der Führungsspieler Finn Lemke und Rune Dahmke in den Abruf-Kader.

In der Endabrechnung entscheiden Ergebnisse im Sport über Lob und Tadel. Es gibt aber auch immer erst einen Weg hin zu Ergebnissen, den zu gehen man bereit sein muss. Und auf diesem Weg ist es nicht verboten, auch mal zu verlieren.