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| 11:38 Uhr

Fußball
Wollitz und seine Abschieds-Gedanken

Trainer Claus-Dieter Wollitz (r.) hat am Freitag eine sehr emotionale Pressekonferenz gegeben.
Trainer Claus-Dieter Wollitz (r.) hat am Freitag eine sehr emotionale Pressekonferenz gegeben. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Die Abschiedsgedanken von Claus-Dieter Wollitz werden am Sonntag im Stadion der Freundschaft das große Thema unter den Energie-Fans sein. Die RUNDSCHAU nennt Gründe, warum der Energie-Trainer so konkret wie noch nie über das Karriere-Ende spricht. Von Jan Lehmann und Frank Noack

Die Vertragssituation: Energie hat zwar schon die Vertragsverlängerungen von Avdo Spahic, Andrej Startsev und Lasse Schlüter vermeldet. Von den absoluten Spitzenkräften wie Maximilian Zimmer, Fabio Viteritti, Kevin Weidlich oder Streli Mamba gibt es diese Zusage aber noch nicht. Ob Wollitz sich dazu durchringen kann, ein weiteres Viertliga-Jahr in Kauf zu nehmen, ist ebenfalls ungewiss. Der Trainer verdeutlicht: „Es ist mental eine Herausforderung. Wir machen das jetzt seit zwei Jahren. Das kostet nicht nur Kraft. Es kostet auch unfassbar viel Eigendisziplin und Eigenverantwortung.“ Auf die Frage, was mit seiner Vertragsverlängerung sei, wirkte Wollitz am Freitag resignierend: „Ich kann mit diesen Lügen, die um unseren Verein passieren, nicht mehr umgehen.“ Und dennoch muss dies nicht das absehbare Ende von Trainer Claus-Dieter Wollitz in Cottbus sein. Präsident Michael Wahlich erklärte auf RUNDSCHAU-Nachfrage: „Es jetzt nicht an der Zeit, eine Trainerdiskussion zu entfachen. Wir werden uns in Ruhe austauschen. Pele ist dabei die unangefochtene Nummer 1 – bei allen Emotionen, oder auch gerade deswegen. Seine Äußerungen sind verständlich, der Zeitpunkt ist suboptimal.“

Die sportliche Situation: Energie Cottbus eilt von Sieg zu Sieg – und kann trotzdem noch nicht durchschnaufen. Wollitz erklärte vor dem Heimspiel gegen Union Fürstenwalde (Sonntag, 13.30 Uhr/LR-Ticker): „Wir brauchen noch Punkte.“ Cottbus hat 22 Siege aus 27 Spielen. Trotzdem fokussiert sich auf die entscheidende Woche im Mai. Erst im Pokal-Finale gegen Babelsberg (21. Mai) sowie den Aufstiegsspielen zur 3. Liga (24./27. Mai) kann der FCE aus dieser überragenden Saison auch etwas Zählbares mitnehmen.

Die Fehde mit den Verbänden: Die Querelen um die geplatzte Verlegung des Endspiels zwischen Babelsberg und Cottbus haben bei Wollitz wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Seit Dienstantritt reibt sich der Cottbuser Coach an den Verantwortlichen beim Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB), beim Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). So trat er unter anderem für eine Reform der Aufstiegsspiele zur 3. Liga ein. Dafür gab es beim DFB anfangs keine Begeisterung, sondern viel Kritik an Wollitz. Inzwischen wurde aber beim außerordentlichen DFB-Bundestag beschlossen, eine neue Aufstiegsregelung zu finden. Wollitz hatte damals schon geahnt: „Der jenige, der es anschiebt, ist am Anfang immer der Idiot. Solange, bis das Konzept durchgedrückt ist.“ Ähnlich ist es nun bei der Diskussion ums Landespokal-Finale. Ein derartige enger Terminplan mit Endspiel und den beiden Aufstiegsspielen innerhalb von einer Woche sorgt nicht nur in Cottbus, sondern in anderen Regionen wie beispielsweise im Saarland für Aufregung.

Die Anfeindungen aus Babelsberg: Nach RUNDSCHAU-Informationen gab es zwischen dem SV Babelsberg, dem Fußball-Landesverband und dem FC Energie nach der geplatzten Verlegung des Landespokal-Finales einen E-Mail-Verkehr, in dem Beleidigungen und Drohungen enthalten sein sollen, aufgrund derer man beim FCE über recht­liche Schritte nachdenkt. Präsident Michael Wahlich wollte das auf RUNDSCHAU-Nachfrage nicht kommentieren. Vom FLB-Chef Siegfried Kirschen gab es im Nachgang eine gemeinsame Erklärung mit DFB-Präsident Reinhard Grindel, in der beide ­Vereine „zur Besonnenheit“ aufgerufen werden.

Die politische Komponente: Seit den rechtsradikalen Ausschreitungen im April 2017 im Energie-Fanblockbeim Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus kämpft der FC Energie massiv gegen sein Image als „rechter Verein“. Bereits seit 2015 ist der Verein verantwortlich für die Initiative „Energie für Toleranz und Vielfalt“ und beteiligt sich zudem an zahlreichen anderen Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit. Der Verein hat Probleme mit den rechten Netzwerken in Südbrandenburg, die Teile der Cottbuser Fanszene beherrschen und andere Anhänger sogar bedroht haben. Der FCE wehrt sich teils erfolglos gegen die bundesweite öffentliche Wahrnehmung, mit diesen Rechtsradikalen gemeinsame Sache  zu machen.  Wollitz hatte zuletzt schon verdeutlicht, wie sehr es ihn beschäftige, mit dieser politischen Haltung in Verbindung gebracht zu werden. Er stellte am Freitag klar: „Mit dem Verein in so eine Ecke geschoben zu werden – das ist für mich nicht zu ertragen. Und das schaffe ich auch nicht. Ich bin weder Neonazi, ich bin weder rechtsradikal, ich bin weder link.“

Die fehlende Wertschätzung: Dass Energie als das „Bayern München der Regionalliga bezeichnet wird, macht Wollitz wütend. Erst Anfang des vergangenen Jahres konnte eine Finanzlücke von 500 000 Euro nur mithilfe eines anonymen Unterstützers geschlossen werden. Die hohen Betriebskosten für das Stadion der Freundschaft belasten den Verein – und entsprechend überschaubar ist auch Wollitz‘ Etat für die Mannschaft. Deshalb musste der Trainer beim Viertliga-Neustart vor knapp zwei Jahren improvisieren. Er baute aus wenigen gestandenen Spielern wie Marc Stein oder Tim Kruse, und vielen bis dato völlig unbekannten Akteuren wie Kevin Weidlich, Fabio Viteritti oder Streli Mamba eine Mannschaft zusammen, die bereits im zweiten Jahr großartig funktioniert. Wollitz fühlt sich deshalb zu sehr auf seine teils wilden Gesten am Spielfeldrand reduziert: „Ja, ich bin emotional. Aber ich entwickle auch Spieler. Das kommt nie dabei heraus. Meine Emotionalität und meine Ehrlichkeit werden immer nur benutzt. Auch wenn ich 52 bin – aber das kann ich nicht mehr ­länger ertragen.“