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Paketerpresser kein Einzelfall
Darum wird der DHL-Bomber scheitern

Ist die nächste DHL-Bombe schon unterwegs?
Ist die nächste DHL-Bombe schon unterwegs? FOTO: Rolf Vennenbernd / dpa
Potsdam. Der DHL-Bomber hält Deutschland in Atem. Ist das nächste Bombenpaket schon unterwegs? Die Polizei versucht, das zu verhindern, und fahndet nach dem Täter. Die Chancen, dass er gefunden wird, sind hoch. Von Bodo Baumert

Ein Unternehmen erpressen, um damit das schnelle Geld zu machen. Was der oder die DHL-Bomber für eine gute Idee halten, ist in Wahrheit ein alter Hut. Täglich werden Firmen in Deutschland mit Erpressungsversuchen konfrontiert. Das Institut für Krisenforschung aus Kiel hat errechnet, dass jedes Jahr zwischen 7500 und 8000 Drohungen bei Firmen eingehen, das sind rund 20 am Tag. Nicht immer werden dazu Bomben verschickt. Meist setzen die Täter eher auf Online-Angriffe, indem etwa Firmencomputer gekapert und nur gegen Zahlung von Lösegeld wieder genutzt werden können. Oft werden solche Erpressungsversuche gar nicht angezeigt, wie Denny Speckhahn, Leiter des Cyber Competence Center beim Brandenburger Landeskriminalamt, erläutert.

Werden die Erpressungen gemeldet, ist die Chance, die Täter zu schnappen, hoch – vor allem, wenn sie sich in der analogen Welt bewegen und Paketbomben verschicken. „Etwa drei von vier Tätern werden gefasst und auch verurteilt - und auch bei diesem DHL-Fall gehe ich eigentlich davon aus, dass es nicht mehr allzu lange dauern kann, den Täter zu überführen“, sagte Frank Roselieb, geschäftsführender Direktor des Instituts für Krisenforschung, gegenüber Radioeins.

Vier kritische Punkte muss ein Erpresser überwinden, um tatsächlich an sein Geld zu kommen:

Drohung: Einst bastelten sich Ganoven ihre Erpresserbriefe mit ausgeschnittenen Buchstaben aus Zeitungsüberschriften. Vorteil: Der Täter muss seine Handschrift nicht verraten, die ihn enttarnen könnte. Etwas moderner erscheinen schon Anrufe per Telefon - doch wegen der Nachverfolgbarkeit selbst bei Anrufen aus Telefonzellen oder per Handy gilt dies inzwischen auch als ausgesprochen dumm.

Im Fall der aktuellen DHL-Erpressung verschlüsselte der Täter seine Forderung per QR-Code. Diese Schwarz-Weiß-Bilder können leicht im Internet erstellt werden und ganze Texte enthalten. Experten wissen aber: Auch das kann viele Spuren im Internet hinterlassen. Und wenn ein QR-Code gedruckt wird, können Papier und Druckerfarbe schon viel über den Absender verraten. Unbeabsichtigt kann der Täter auch immer viel über sich selbst verraten: Der klassische Fingerabdruck, der genetische Fingerabdruck aus Hautschuppen oder selbst kleinste Blütenpollen können Kriminalisten heute nutzen. Die Potsdamer Polizei weiß, wo die zweite Bombe des DHL-Erpressers aufgegeben wurde. Sie hat die Bürger ausgerufen Hinweis ezu geben und geht derzeit 60 dieser Tipps nach.

Bombe: Menschen entführen, Lebensmittel vergiften oder Bomben zur Explosion bringen – Erpresser schrecken bei ihren Drohungen vor nichts zurück. Das Wissen um die Herstellung von Gift und Sprengstoff können sie sich dabei heute relativ leicht im Internet besorgen. Und die Zutaten für eine Bombe sind oftmals leicht zu erwerben.

Im Fall des DHL-Erpressers stammte der Sprengstoff den Ermittlungen zufolge aus so genannten Polen-Böllern - also aus besonders starken Silvesterknallern, die wegen fehlender deutscher Zulassung oftmals illegal auf polnischen Märkten an der Grenze verkauft werden. Das LKA hat die Bombe von Potsdam mit der einen Monat zuvor entdeckten aus Frankfurt (Oder) verglichen und geht nun gezielt den Spuren zur Herkunft der Bestandteile nach. Zum Aufgabe-Ort des Potsdamer Pakets liegen der Polizei mittlerweile 70 Hinweise vor. „Eine heiße Spur ist noch nicht darunter“, so Polizeisprecherin Stefanie Klaus.

Lösegeld: Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“ spielte vor Jahren bei der Übergabe des Lösegeldes lange ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Mal sollte das Geld von einem fahrenden Zug herabfallen, ein anderes Mal baute „Dagobert“ sogar eine Lore, um unerkannt an das Geld zu kommen. Ein anderer Erpresser setzte in den 90er Jahre sogar Brieftauben ein. Denn die Lösegeld-Übergabe gilt als größte Hürde für Erpresser.

Der DHL-Erpresser fordert Bitcoin. Die Kryptowährung ist sehr viel leichter zu erbeuten und für die Polizei schwer zu verfolgen, aber nicht unmöglich. Ein einfacher Code reicht für den Zugang zum Geld, eine Rückverfolgbarkeit soll dem Anspruch der Währung nach nicht möglich sein. Doch früher oder später will der Erpresser doch „echtes“ Geld – und muss hohe Summen tauschen. So wurde erst im März in Kiel ein Erpresser zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, der vergiftete Marzipanherzen ausgelegt und drei Millionen Euro als Bitcoins verlangt hatte.

Untertauchen: Selbst, wenn der Erpresser sein Geld erhalten hat, ist er noch nicht sicher. Denn das LKA wird dranbleiben. Zielfahnder erstellen Profile von Tätern, finden sie so teils Jahre später, auch im Ausland.

Auch das Umfeld der erpressten Unternehmen nehmen die Ermittler der Polizei in Augenschein. Hat der Täter eine persönliche Beziehung zur DHL? Handelt es sich um einen entlassenen und frustrierten Mitarbeiter? Oder um einen verbitterten Kunden? Der frühere Profiler Axel Petermann äußerte entsprechende Vermutungen in der „Mitteldeutschen Zeitung“. Er vermutet, dass es sich bei dem Erpresser um einen elektronisch interessierten Bastler handelt, der sich schon mit Sprengfallen und Brandsätzen beschäftigt hat.

Ein Spur könnte auch die Vergangenheit des Täters liefern. Denn in der Regel handelt es sich nicht um unbescholtene Bürger sondern um Kleinkriminelle, die den Behörden wegen anderer Taten schon hinlänglich bekannt sind. Das zeigen etwa die jüngsten Fälle des Babynahrungs-Erpressers aus Süddeutschland, der im Oktober verhaftet wurde. Oder die Fälle der jüngst in Nordrhein-Westfalen verurteilten Lidl-Erpresser. „Wir wissen aus der Krisenforschung, dass die meisten der Täter nicht unbekannt sind. Das sind also Täter, die schon andere Straftaten in der Vergangenheit begangen haben. Meistens vergleichsweise kleinere Fälle. Das ist der klassische Einbrecher, der klassische Bankräuber, der so etwas dann als weitere Tat plant. Der hofft auf das große Geld, um sich dann damit dann zur Ruhe setzen zu können. Das klappt aber nicht“, so Experte Frank Roselieb.