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| 09:57 Uhr

Das Heimat-Gefühl
Wer sind die Zukunft-Heimat-Demonstranten?

Heimatgefühl als emotionaler Anker. Rechtspopulisten wie der Verein „Zukunft Heimat“ versuchen, ihre Islamfeindlichkeit geschickt zu verpacken. Ängste und Verunsicherung durch einen raschen Flüchtlingszuzug wie in Cottbus spielen ihnen dabei in die Hände. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild
Heimatgefühl als emotionaler Anker. Rechtspopulisten wie der Verein „Zukunft Heimat“ versuchen, ihre Islamfeindlichkeit geschickt zu verpacken. Ängste und Verunsicherung durch einen raschen Flüchtlingszuzug wie in Cottbus spielen ihnen dabei in die Hände. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild FOTO: Patrick Pleul / dpa
Cottbus. An Demos des rechtspopulistischen Anti-Flüchtlingsvereins „Zukunft Heimat“ in Cottbus beteiligen sich auch Menschen aus der bürgerlichen Mitte. Was treibt sie gemeinsam mit Rechtsradikalen auf die Straße? Mit zwei Teilnehmern hat die RUNDSCHAU gesprochen, mit vielschichtigem Ergebnis.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren gab es für Renate B. (Name geändert) zwei sehr emotionale Momente. Der eine war die Öffnung der deutschen Grenze für Flüchtlinge auf der Balkanroute im September 2015. Wenn sie daran denke, bekäme sie noch immer Gänsehaut, sagt die Rentnerin: „Ich fand das völlig in Ordnung, dass Merkel gesagt hat, wir nehmen die auf.“ Die Menschen hätten da in Ungarn im Dreck gesessen und wir hier mit einem Kaffee auf dem Sofa.

Der andere wichtige emotionale Moment war für die 74-Jährige vor wenigen Wochen die Demo des rechtspopulistischen Golßener Vereins „Zukunft Heimat“ in Cottbus. „Als da alle zusammen das Brandenburg-Lied gesungen haben, da hatte ich das Gefühl, das ist hier bald nicht mehr meine Heimat, wie ich sie mir vorstelle“, sagt Renate B.. In der Menge aus dem Altmarkt habe sie sich angenommen gefühlt.

Wie gehen diese Momente zusammen? Die Cottbuser Rentnerin, die im Januar und Februar zwei Anti-Flüchtlings-Demos des Vereines in Cottbus besucht hat, ist sich der Widersprüchlichkeit bewusst: „Manchmal denke ich selbst, das ist doch schlimm, was du da gerade gesagt hast.“ Sie sei ein solidarischer Mensch, wähle links. Bei der AfD ihr Kreuz auf einem Wahlschein zu machen, komme für sie nie in Frage, versichert sie.

Renate B. hat jedoch noch ein sehr persönliches Motiv, das sie zu „Zukunft Heimat“ trieb. Eine langjährige Kollegin und Freundin, Gerda K., war im Dezember 2016 mutmaßlich von einem 17-jährigen Syrer in ihrer Wohnung getötet worden. Seit Herbst vorigen Jahres steht der Flüchtling in Cottbus deshalb vor Gericht.

Die Tat selbst, der Umstand, dass er noch immer nicht verurteilt ist und die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, all das empört Renate B. mächtig: „Ich habe für Gerda auf dem Altmarkt gestanden.“ Natürlich gebe es auch deutsche Mörder. Aber der gewaltsame Tod ihrer Freundin fühle sich anders an: „Dieser Täter hätte nicht hier sein müssen.

Bernd F. (Name geändert) ist zurückhaltender mit Erklärungen, was ihn zu „Zukunft Heimat“ zieht.“ Ich bin auf der Suche, Veränderung geht nur von innen heraus“, sagt der 69-Jährige. Ein Grund sei die Überheblichkeit, die der Hälfte der Gesellschaft entgegengebracht werde „die anders denkt“. Er habe sich bisher nur an einer Demo des Vereins beteiligt, sich dort aber nicht unwohl gefühlt, versichert er.

Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, davon ist Bernd F. überzeugt. Und was soll aus den Muslimen werden, die längst deutsche Staatsbürger sind? Der Ruheständler zuckt die Schultern: „Man hätte das erst gar nicht so weit kommen lassen dürfen.“ Das bleibt nicht die einzige ausweichende Antwort von ihm in einem sehr langen Gespräch.

Bernd F. und Renate B. haben sich nur anonym auf das Gespräch mit der RUNDSCHAU eingelassen. Übereinstimmend versichern sie, dass sie keine persönlichen Sorgen hätten. „Uns geht es gut, wir haben nichts zu meckern“, sagt Renate B., die in der Innenstadt zur Miete wohnt. Bernd F. nutzt seinen Ruhestand, um durch die Welt zu reisen. Er wohnt mit seiner Frau in einem Einfamilienhaus am Stadtrand.

Bis zur Pensionierung hatte er eine leitende Funktion in einer Landesbehörde. Vor einigen Jahren war er noch Mitglied einer der beiden Volksparteien. Eine Austrittserklärung hat er nie abgegeben: „Ich habe einfach keinen Beitrag mehr bezahlt.“ Inzwischen zeigt er Sympathie für die AfD, besucht im Februar einen „Bürgerdialog“ der Partei am Rande von Cottbus. Für ihn steht fest: „Die AfD wird in der Öffentlichkeit unfair und schlecht behandelt.“

Der frühere Landesbedienstete betont, er habe nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Flüchtlinge. Gleichzeitig findet er jedoch die Politik von Polen und Ungarn gut, gar keine Flüchtlinge aufzunehmen. Und er fragt auch sofort rhetorisch, „warum denn nur junge, gut gekleidete Männer mit Handys“ kämen. Auch die doppelte Staatsbürgerschaft lehnt er ab.

Flüchtlinge, die kein Asylrecht haben, sollten abgeschoben werden „mit harter Hand“, fordert er, obwohl das in Cottbus nichts spürbar verändern würde. Denn abgeschoben werden kann nur, wer keinen Aufenthaltstitel besitzt oder eine Gefahr für die öffentliche oder staatliche Sicherheit darstellt. Das dürfte nur auf sehr, sehr wenige der rund 3500 Flüchtlinge in Cottbus zutreffen.

Hinnehmen will Bernd F. das jedoch offenbar nicht. Das müsste alles noch mal überprüft werden, ob stimmt, was die Flüchtlinge angegeben hätten. Da schwingt die Hoffnung mit, die Überprüfung könnte zu einem ablehnenden Ergebnis kommen. Denn für ihn steht fest: „Integrieren können die sich nicht.“

Auch Bernd F. sagt, dass ihm der Begriff „Heimat“ gefällt. Heimat, das sei für ihn sein Zuhause, in dem er sich wegen der Flüchtlingspolitik nicht mehr wohlfühle.

Sein Weltbild hat feste Ankerpunkte, die angesichts seines Bildungs- und Berufsweges erstaunen. Er schaue, so versichert er, Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gleichzeitig sagt er, die Medien seien durch „vorauseilenden Gehorsam“ gleichgeschaltet. Sonst könne es doch nicht sein, dass zum Beispiel alle den Journalisten Dennis Yücel gut fänden und nicht sehen, was der mal geschrieben habe.

Dass Yücel ein Jahr ohne Anklage in der Türkei in Haft saß, empört Bernd F. nicht: „Ganz unbegründet wird das schon nicht gewesen sein.“ Woher er das weiß? „Das ist so ein Gefühl.“

Die deutsche Russlandpolitik ist für ihn „vollkommen falsch“. Nachfragen zur Annektion der Krim und zum verdeckten Krieg Russlands in der Ostukraine weicht er aus: „Ich weiß nur, dass die USA die Ukraine unterstützt, und auf der Krim gab es eine Volksabstimmung.“

Seine Haltung zum politischen System der Bundesrepublik packt er in eine Sowohl-als-auch-Formulierung: „Wir leben nun mal in einer parlamentarischen Demokratie, aber mir gefällt nicht, wie das umgesetzt wird.“ Mit der Ausländerpolitik überfordere sich Deutschland.

Von den Sprechchören, die auf den Demos von „Zukunft Heimat“ ertönen sind Bernd F. und Renate B. beide nicht begeistert. Dass die zum Teil von der NPD oder den vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären“ stammen? Beide versichern, dass sie das nicht wüssten, Rechtsradikale auch nicht erkennen. Die Parole der Identitären „Heimat, Freiheit, Tradition, Multikulti Endstation“ findet Bernd F. jedoch auch nicht schlecht: „Die können doch auch mal eine gute Idee haben.“

Auf seinem Küchentisch liegt das Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Das 2010 erschienene, umstrittene Buch des ehemaligen Berliner Senators mit SPD-Parteibuch ist das meist verkaufte Sachbuch in der deutschen Nachkriegszeit. Auch Renate B. hat es gelesen. „Das, was er damals schon beschrieb, haben wir jetzt“, sagt sie, „die Gefahr, dass Deutschland nicht mehr Deutschland ist.“

Mit ihren Sorgen in das Büro eines Landtags- oder Bundestagsabgeordneten gehen, das will sie nicht: „Da bekomme ich keine ehrlichen Antworten und werde vielleicht noch in die rechte Ecke gestellt“, befürchtet sie. Renate B. sagt von sich, sie sei Atheistin. Mit Religionen könne sie nichts anfangen. Wenn sie Frauen mit Kopftüchern sehe, gingen ihr „die Nackenhaare hoch“.

Gleichzeitig wäre sie aber auch bereit, sich mal mit Kopftuch-Trägerinnen zu unterhalten, an einem neutralen Ort. Es interessiere sie schon, was diese Frauen denken. Auch will sie sich überlegen, ob sie noch mal zu einer „Zukunft Heimat-Demo geht. Zum Schluss des Gespräches sagt sie einen sehr versöhnlichen Satz: „Demokratie, dass muss man auch lernen.“