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Kita-Projekt
Kinder bauen sich Spielplatz selbst

Die Kinder im Lübbenauer Amalie Schmieder Haus wollen ihr neues Spielgerät nicht mehr hergeben. Katja Richter (l.) von der Unfallkasse Brandenburg bescheinigte Kindern und Erziehern die erfolgreiche Teilnahme am Projekt a` la Hengstenberg.
Die Kinder im Lübbenauer Amalie Schmieder Haus wollen ihr neues Spielgerät nicht mehr hergeben. Katja Richter (l.) von der Unfallkasse Brandenburg bescheinigte Kindern und Erziehern die erfolgreiche Teilnahme am Projekt a` la Hengstenberg. FOTO: Daniel Preikschat / LR
Lübbenau. Ein neues Projekt in einer Lübbenauer Kita erweitert nicht nur die Grenzen der körperlichen Fähigkeiten. Das Ergebnis ist bemerkenswert.

Der Spielplatz im Turnraum der Kita Amalie Schmieder Haus ändert täglich sein Aussehen. Die Kinder selbst bauen die Stangen, Streben und Sprossen aus Holz immer wieder anders zusammen. Am Dienstag sah Katja Richter von der Unfallkasse Brandenburg dabei zu, wie die Knirpse auf ihrem selbst errichteten Klettergerüst herumturnten, einen Teil davon als Höhle nutzten, auf Matten darum herum rutschten oder es mit Trittbrettern erweiterten.

Ein flexibles System eben, kommentierte Katja Richter, was sie da im Obergeschoss der Kita sah. Ein System aus Holzbauteilen, das immerhin 2200 Euro kostet. 500 Euro davon steuert die Kasse bei. Denn dort ist man überzeugt, dass die Kleinkinder ihre körperlichen Fähigkeiten durch diese besondere Art des Spielens verbessern, sicherer werden in ihren Bewegungen und sich so für sie die Unfallgefahr verringert. Eine lohnende Investition.

Wobei nicht nur in den Spiele-Set investiert wird, sondern auch in die Fortbildung der Erzieher. Gilt es doch, einen pädagogischen Gedanken von Elfriede Hengstenberg zu vermitteln: Kinder sollen selbstständig erkennen, zu welchen Bewegungen der eigene Körper fähig ist und dabei Raum- und Körpergrenzen fühlen. Für einen Erzieher, sagt Patrick Marx vom Amalie-Schmieder-Haus-Team, sei es gar nicht so einfach, dieses Konzept auch in der Praxis umzusetzen. Das auf Grundlage der Hengstenbergschen Pädagogig entwickelte Spielgerät helfe zwar. Doch zugleich müssen sich die Erzieher an ihre neue Rolle gewöhnen: „Nicht ständig eingreifen, sondern die Kinder machen lassen.“

Dabei könne man dann Folgendes beobachten: „Es ist erstaunlich, was kleine Kinder schon können und wie sie stolz sie sind, wenn sie etwas geschafft haben.“ Das sei schön zu sehen. Wobei sich die Spielkameraden gegenseitig helfen. Helfen müssen, um beispielsweise einen Trittbrettpfad zu bauen, eine Brücke oder eine Wippe.

„Die Kinder verbinden das oft mit einer Geschichte, die sich beim Spielen selbst ausdenken“, ergänzt Marx´ Kollegin Ute Walter. So würden sie sich beispielsweise ein Gewässer vorstellen, das sie überbrücken müssen. Um etwas gemeinsam zu bauen, müssen sie auch viel reden. Auch die Kommunikation, der sprachliche Ausdruck hätten sich in dem einen Jahr verbessert.

Ein Jahr war die bisherige Hengstenberg-Projektlaufzeit. Es gab zunächst einen Workshop, erzählt Kita-Leiterin Kerstin Löben. Danach überlegte man im Amalie-Schmieder-Haus, ob man das Konzept aufgreifen will, ob es zur Einrichtung passt. Als das geklärt war mit Beteiligung der Eltern und des Trägers gab es Fortbildungen und die Unfallkasse stellte das Spielgerät ein Jahr kostenfrei zur Verfügung. Mit der Aussicht, 500 Euro beizusteuern, wenn sich die Kita nach einem Jahr entscheidet, die Holzbauteilekisten zu erwerben.

Diese Entscheidung sei dem Team leicht gefallen, so Erzieher Patrick Marx. Nach einem Jahr sei den Kinder noch nicht langweilig. Sie spielten geradezu bis zur Erschöpfung. Was auch Projektbegleiter Peter Fuchs von der Hengstenberg-Pikler-Gesellschaft aufgefallen ist. Er war mehrfach in der Lübbenauer Einrichtung und lobt nach dem ersten Projektjahr die Fortschtitte. So würden sich die Kleinkinder im Spiel aus eigenem Antrieb aktiv aufrichten, während die Erzieher ihre Rolle als „begleitende interessierte Beobachter“ gut angenommen haben

Teil der Projektarbeit ist, dass die Erzieher der Einrichtung ihre Beobachtungen umfangreich dokumentiert. Mit „Genauigkeit“ und „Ehrlichkeit“, wie Fuchs in einem Schreiben an die Kita weiter anmerkt, sei das geschehen. Selbst die Eltern der Kinder profitieren aus Sicht des Projektbegleiters. Indem sie über Kindheit reflektieren und so, wie auch die Erzieher, mit den Kindern respektvoller umgehen.

Schließlich konnte nach einem Jahr Projektlaufzeit auch die Unfallkasse Brandenburg der Einrichtung eine erfolgreiche Teilnahme attestieren. Die entsprechende Urkunde überreichte Katja Richter am Dienstag nur zu gern. Es komme nun darauf an, im Sinne Hengstenbergs weiter zu machen. Wachsen und sich entfalten, sagt auch Peter Fuchs, ist ein „lebenslanger Prozess“.