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| 17:45 Uhr

68er-Bewegung
Der Geist der 68er in Lübbenau

Volker Rennert (l.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau vom 24. August 1968, wird im Auftrag der Bundesstifung Aufarbeitung der SED-Diktatur von Matthias Hoferichter (r.) zu den Ereignissen von damals befragt.
Volker Rennert (l.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau vom 24. August 1968, wird im Auftrag der Bundesstifung Aufarbeitung der SED-Diktatur von Matthias Hoferichter (r.) zu den Ereignissen von damals befragt. FOTO: LR / Stephan Meyer
Lübbenau. Die Bundesstifung Aufbruch hat zwei Initiatoren des Protestzuges vom 24. August 1968 über die damaligen Ereignisse befragt. Von Stephan Meyer

1968 – ein Jahr des Aufbruchs. In den USA bekommt die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg immer mehr Zulauf, in Paris besetzen Studenten die Sorbonne-Universität, und in Westdeutschland spricht sich die Studentenbewegung gegen die Notstandsgesetze aus. Doch auch im Osten bewegt sich etwas. Die März-Unruhen in Polen und der Prager Frühling zielen auf eine Stärkung der Bürgerrechte ab. Insbesondere die Ereignisse in der damaligen Tschechoslowakei sind zudem Auslöser für ein Protest, der sich am 24. August 1968 in Lübbenau abgespielt hat. Im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Bundesstiftung Aufarbeitung), wurden nun zwei der Initiatoren des Protestzugs zu ihren Eindrücken der Ereignisse vor 50 Jahren interviewt.

„Es hat einfach der Auslöser, der Anlass gefehlt“, sagt Hans-Joachim Schiemenz (67) rückblickend. Vor dem Prager Frühling gab es in der DDR keine bedeutende Rebellion gegen die Oberschicht seitens junger Erwachsener. „Die Westdeutschen hatten den Schah-Besuch, und bei uns sprang der Funke erst mit den Geschehnissen in der Tschechoslowakei über“, so der Boblitzer. Volker Rennert (66), Hans-Joachim Schiemenz und Klaus-Dieter Wanske (verstorben) organisierten am 24. August 1968, drei Tage nachdem Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einmarschierten, ein Sit-in am Lübbenauer Marktplatz. Aus der ursprünglich geplanten Diskussionsrunde über die Besatzung wurde schnell ein Demonstrationszug.

Hans-Joachim Schiemenz (r.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau erzählt über die Ereignisse im August 1968.
Hans-Joachim Schiemenz (r.), einer der Initiatoren des Protestzuges durch Lübbenau erzählt über die Ereignisse im August 1968. FOTO: LR / Stephan Meyer

„Das hat mich sehr bewegt, als Dubcek eingesperrt wurde“, erklärt Rennert. Der Lübbenauer hatte die Nachricht damals über den Radiosender RIAS erfahren. „Da habe ich gesagt, wir müssen was tun.“ Vor dem Sit-in, für das sie unter gleichgesinnten Werbung machten, lud Rennert den damaligen Bürgermeister Paul Hentschker telefonisch zur Diskussion ein. Statt zu erscheinen informierte er die Staatsmacht. Der Protestzug, der, Vernehmungsprotokollen zufolge, zwischenzeitlich 120 Personen stark war, machte sich indes auf den Weg in die Neustadt. Auf dem Rückweg wurde die Demonstration durch Uniformierte gewaltsam aufgelös,t und es kam zu Festnahmen. In den darauffolgenden Tagen wurden Rennert, Schiemenz und Wanske verhaftet und wegen Zusammenrottung und Staatsverleumnung angeklagt. Dafür bekamen sie Haftstrafen zwischen vierzehn und achtzehn Monaten. Im Dezember 1968 konnten sie auf Bewährung bereits wieder raus. Doch sie hatten weiterhin mit Repressalien und Bespitzelung zu kämpfen.

Das verbindende Element der Lübbenauer 68er war, wie auch im Westen, die Musik. Von Freunden, die die Tschechoslowakei besuchten, erfuhren sie, dass man dort Platten bekam, die es in der DDR nicht gab. Die dortige Reformbewegung hat Musik der Rolling Stones, der Beatles oder der Spencer Davis Group zugänglich gemacht. Aber es ging den Lübbenauern nicht nur um Konsum, sondern auch um ein anderes Lebensgefühl, versichert Schiemenz. „Wir haben gesehen, dass eine politische Änderung möglich ist. Dass da jemand ist, der hinhört, was das Volk sagt.“

Der Blick Richtung Westen, sei hingegen nicht immer so rosarot gewesen, wie oft getan wird. Die BRD war für sie kein gelobtes Land. „Wir haben in den Nachrichten (Westfernsehen) erfahren, dass dort hin und wieder eine Bude schließt und Leute arbeitslos werden.“ Die 68er haben für den Boblitzer immer noch Strahlkraft. Er schätzt den Aufbruchgedanken jener Zeit. „Das hat damals viel bewegt in meinem Leben.“

Auch Rennert ist bis heute stolz, dabei gewesen zu sein. „Das hat mich sehr geprägt, die Welt in Unruhe zu sehen. Zu erleben, wie Menschen sich frei machen können, das war einer innerlicher Motor für mich.“

Dass die Geschichte um den Protest und dessen Folgen nicht vergessen wird, ist Rennert und Schiemenz sehr wichtig. Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat sie nun mit zwei umfangreichen Interviews festgehalten. Rennert und Schiemenz stehen damit in einer Reihe von Persönlichkeiten, wie Toni Krahl (City) und Hans-Christian Ströbele, die ebenfalls zu ihren 68er-Erfahrungen befragt wurden. Die Aufzeichnungen sollen unter anderem für historisch-politische Bildungsarbeit genutzt werden. Kurzversionen der Interviews werden zudem am Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings auf der Webseite der Stiftung veröffentlicht.