ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:56 Uhr

Sportakrobatik
Abschied  von der großen Sport-Bühne

Gina Lee Nickler (u.) und Pia Schütze bei der WM.
Gina Lee Nickler (u.) und Pia Schütze bei der WM. FOTO: Jack Welten
Hoyerswerda. Nach dem größten Erfolg ihrer Karriere hat die Hoyerswerdaer Sportakrobatin Gina Lee Nickler ihr Karriereende verkündet. Ihrem Sport will sie aber dennoch treu bleiben. Von Sven Hering

Sie gehört zur absoluten Weltspitze in ihrer Sportart. Und trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – hat Gina Lee Nickler entschieden, dass jetzt Schluss ist mit dem Leistungssport. Mit ihrer Partnerin Pia Schütze war sie vor wenigen Wochen in Antwerpen Fünfte bei den Welttitelkämpfen der Sportakrobaten geworden. Ein Traum  ging damit für sie in Erfüllung. Die Hoyerswerdaer waren nach jahrelangem Training, nach viel Schmerzen, Schweiß, nach Entbehrungen und mit unbändiger Disziplin angekommen: ganz oben.

„Wir haben nie damit gerechnet, dass wir die beste Platzierung der deutschen Nationalmannschaft erreichen würden“, bewertet die Hoyerswerdaerin mit ein wenig Abstand den größten Erfolg ihrer Karriere. „Es ist ein unfassbar schönes Gefühl, zu der Weltspitze zu gehören.“ Fünf Jahre lang trainierte sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Pia Schütze. Genau für solch einen Moment. Die letzte gemeinsame Übung auf den Punkt zu präsentieren, und noch ein letztes Mal beweisen zu können, was sie für ein eingespieltes Team waren – das sei bei den Weltmeisterschaften gelungen.

Den größten Anteil daran hätten Trainer Sergej Jeriomkin und Choreografin Anna Matyskina. Doch auch Familien, Freunde, Verwandte und unzählige Fans haben das Paar in den vergangenen Jahren unterstützt. „Dafür sind wir sehr dankbar“, erklärt die 18-Jährige.

„Die Ehre für Deutschland zu starten, bekommt nicht jeder Sportler in seiner Karriere. Ich durfte an zwei Weltmeisterschaften 2016 und 2018 sowie zur Europameisterschaft 2017 Deutschland präsentieren. Hier gilt auch ein Dank an den Bundestrainer Igor Blintsov, der uns auf diesem Weg begleitete und unterstützte“, ergänzt sie.

Im Alter von zweieinhalb Jahren begann Gina Lee mit dem Mutter-Kind-Sport, wie sie sagt. Weiter ging es dann bei den Turnern. Im Kindergarten wurde sie schließlich von Trainer Sergej Jeriomkin entdeckt. Da war sie gerade mal fünf. Das bedeutet: Seit nunmehr fast 13 Jahren war Gina Lee beinahe täglich in der Hoyerswerdaer Trainingshalle. Fünf- bis sechsmal in der Woche wurde trainiert, vor Weltmeisterschaften mindestens jeweils drei Stunden am Tag. Normal waren 15 Stunden in der Woche. Ein unglaubliches Pensum.

Darunter durfte allerdings die Schule nicht leiden. Die 18-Jährige schreibt in diesen Tagen ihr Abitur. Die ersten Prüfungen sind ganz gut gelaufen. Nach den Ferien möchte sie studieren, in Dresden oder Leipzig, und wird dazu Hoyerswerda verlassen. Die Sportakrobatik passt nicht mehr so richtig in den Lebensplan.

Und es gibt noch einen weiteren Grund für die Hoyerswerdaerin, dem Sport Adieu zu sagen. „Ich bin ziemlich klein als Unterfrau und meine Partnerin ist in den letzten fünf Jahren gewachsen und ist mittlerweile fast genauso groß wie ich“, erklärt sie. In der Sportakrobatik müssen viele Parameter für eine Formation passen. Da gehören Körpergröße, Gewicht, Alter und das Leistungsvermögen dazu. Gina Lee Nickler: „Ich hatte vor fünf Jahren das Glück, genau die passende Partnerin, meine Pia, zu bekommen. Der Trainer hat da bei der Auswahl und Zusammenstellung der Formationen ein sehr gutes Gespür. Ihm konnten wir vertrauen, dass er das Beste zusammenstellt.“

Doch wie soll das künftig funktionieren? Der Abschied vom Sport, dem die junge Hoyerswerdaerin praktisch ihre gesamte Kindheit untergeordnet hat? Den Schlüssel für die Umkleide abgeben – und dann wars das? Natürlich nicht, sagt Gina Lee Nickler. Man werde sie auch weiterhin in der Turnhalle der Sportakrobaten finden. „Ich könnte mir gar nicht vorstellen, von einem auf den anderen Tag nicht mehr in die Halle zu gehen. Sie ist sozusagen mein zweites Zuhause. Ich habe unzählige Stunden meines Lebens nur die Turnhallenwände gesehen. Außerdem sind viele Menschen täglich in der Halle, die ich fest in mein Herz geschlossen habe.“

So arbeitet sie jetzt schon mit dem Hoyerswerdaer Sportakrobatik-Nachwuchs und probiert, ihre Erfahrungen an die jungen Talente weiterzugeben. „Außerdem muss ich abtrainieren“, sagt sie. „Ein Leben ohne Sportakrobatik wird es für mich nie geben.“

Vielleicht werde sie einmal als Übungsleiterin arbeiten. Im Ehrenamt natürlich. „Oder als Unterstützer in irgendeiner anderen Form.“ Hilfe bräuchten die Sportakrobaten schließlich immer. So gebe es vieles zu organisieren für Wettkämpfe oder Shows.

Und so steht eines für Gina Lee Nickler unabhängig vom Abschied vom Leistungssport fest: Die große Sportakrobatik-Bühne muss künftig zwar ohne die erfolgreiche Hoyerswerdaerin auskommen. „Doch irgendwie werde ich auch weiterhin  mit dabei sein.“

Gina Lee Nickler (M.) mit Pia Schütze und ihrem Trainer Sergej Jeriomkin. Während Gina Lee aufhört, macht Pia mit neuer Partnerin weiter.
Gina Lee Nickler (M.) mit Pia Schütze und ihrem Trainer Sergej Jeriomkin. Während Gina Lee aufhört, macht Pia mit neuer Partnerin weiter. FOTO: Werner Müller