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| 18:50 Uhr

Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt
Fiese Sprüche bis zur Hose runter

Mobbing im Internet: 1,5 Millionen Schüler sind betroffen.
Mobbing im Internet: 1,5 Millionen Schüler sind betroffen. FOTO: Antonioguillem / fotolia
Elbe-Elster. Ohne Hemmungen: Mobbing im Internet – Gewalt mit schwerwiegenden Folgen. Von Frank Claus

Ein 15-jähriges Mädchen weiß sich keinen Ausweg mehr. Es springt aus gehöriger Höhe – und überlebt. Zum Glück. Feuerwehr, Rettungshubschrauber und Polizei sind im Einsatz. Mit Verletzungen wird das Mädchen ins Krankenhaus gebracht. Auch wenn die körperlichen Leiden geheilt werden können, die seelischen werden es wohl ein Leben lang nicht. Ein fiktiver Fall? Mitnichten! Passiert ist er im Februar dieses Jahres im Landkreis Elbe-Elster. Das Mädchen ist zuvor im Internet gemobbt worden, nach jetzigen Erkenntnissen über einen längeren Zeitraum. Cybermobbing nennt man das. Die Täter(innen) nutzen soziale Medien und Smartphones, um Opfer bloßzustellen und zu schikanieren. Polizeisprecher Torsten Wendt bestätigt das Geschehen. Er bittet aber darum, weitere Details nicht zu nennen. Er befürchtet Nachahmungseffekte.

Unbegründet ist seine Sorge nicht. Menschen, die im Internet teils auf übelste Weise gemobbt werden, tragen sich sogar sehr häufig mit Suizidgedanken. Mädchen und Jungen im jugendlichen Alter sind besonders gefährdet.

Dabei hat es Mobbing in der Schule schon immer gegeben. Hand aufs Herz, liebe Leser, ist bei Ihnen in der Klasse nicht auch der oder die Dicke gehänselt worden, die Rothaarige mit Sommersprossen nicht mitunter ausgegrenzt, die sportliche „Null“ verlacht worden? Das alles war für die Betroffenen schlimm genug.

Im Internet erfährt das Ganze eine dramatische Steigerung. Mobbing hat im Internet einen neuen Tatort gefunden. Zu dieser Schlussfolgerung kommt das Bündnis gegen Cybermobbing in einer 2011 herausgegebenen Studie, in der es heißt: „Doch das, was früher auf dem Schulhof oder in der Clique geschah, spielt sich heute vor aller Augen im virtuellen Raum ab: Herabsetzende Kommentare auf Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube, nächtlicher Terror über Handy und Smartphones. Auch Fotos und Handyfilme von Mitschülern in unangenehmen und peinlichen Situationen oder bei Verprügelungen, die über Facebook oder YouTube veröffentlicht werden, zählen dazu.“ Üble Nachrede, Gerüchte, Verleumdungen und Beleidigungen kommen dazu.

Wie Medienpädagoge René Schöne vom Kreisjugendring Elbe-Elster aus ständigem Kontakt mit Schulsozialarbeitern, Lehrern und Schülern weiß, fängt diese Entwicklung schon in der 5. Klasse an und verschärft sich, je älter die Schüler werden. Da werden Schüler mit Handicaps genauso zur Zielscheibe, wie „Streber“. Da werden ganze Whatsapp-Gruppen gebildet, in denen gleich mehrere über eine/n Einzelne/n herziehen.

Er habe Fotos gesehen, auf denen Schüler einen Jungen festhalten und ihm die Hose herunterziehen. Er kenne Fotos, wo junge Leute sich nackt im Internet präsentieren, um dem Partner zu imponieren. Und wenn die Beziehung in die Brüche geht, würden diese Fotos übel missbraucht.

Die Zahlen sind alarmierend: 1,5 Millionen Schüler unter 18 Jahren in Deutschland sind, so Forschungen von Expertin Dr. Catarina Katzer zufolge, schon Opfer von Cybermobbing geworden. Für die oben genannte Studie hätte das Bündnis gegen Cybermobbing 10 000 Schüler, Eltern und Lehrer befragt.

Fast 60 Prozent aller befragten Pädagogen kennen Cybermobbingfälle unter ihren Schülern. Nach ihrer Schätzung sind etwa 17 Prozent aller Schülerinnen und Schüler Opfer von Cybermobbing-Attacken.

Auch die Auswertung der Schülerbefragung spricht Bände: Nur 17 Prozent der Eltern überprüfen, was ihre Kinder im Internet machen. 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler waren nach eigenem Bekunden bereits Opfer von Cybermobbing-Attacken. 19 Prozent bekennen sich dazu, bereits Täter von Cybermobbing-Attacken gewesen zu sein. Dr. Katzer zufolge gibt es inzwischen eine weitere Zunahme. Cybermobbing ist kein eigener Straftatbestand, bestätigt Stefanie Klaus, Pressesprecherin im Landeskriminalamt. Allerdings würden Ausführungen – Verleumdung, Nötigung, Bedrohung etwa – verfolgt.

An Schulen werde das Thema sehr ernst genommen, versichert René Schöne. Er habe die besten Erfahrungen gemacht, wenn nach Vorfällen betroffene Schüler und Elternteile zusammengeführt werden. Und er sage den jungen Leuten, die von Mobbing Wind bekommen und sich zunächst nicht trauen, davon Lehrer oder Schulsozialarbeiter zu informieren, immer wieder: „Das ist kein Petzen, das ist Hilfeleistung.“